Der Patella-Mechanismus

Wie kann ein Pferd im Stehen dösen, ohne dass es umfällt oder sich anstrengen muss? 

Damit das Pferd auch im Stehen entspannt dösen kann, kann es sein Knie mithilfe des Patella-Mechanismus so verriegeln, dass es ohne aktive Muskelkraft gestreckt bleibt. Über den Spannsägemechanismus, der die Bewegung von Knie und Sprunggelenk koppelt, ist damit automatisch auch das Sprunggelenk fixiert. 

Aber wie funktioniert das genau? 

Der Oberschenkel des Pferdes hat an seinem unteren Ende vorne zwei Rollkämme, d.h. zwei dammartig geformte Knochenvorsprünge. Sie bilden die Gleitrinne für die Kniescheibe, die Patella. In der Bewegung gleitet die Kniescheibe zwischen diesen beiden Knochenvorsprüngen auf und ab; durch den Zug der Oberschenkelmuskulatur bewegt sie sich in der Streckung nach oben und in der Beugung nach unten. 

Um das Knie zu verriegeln, zieht das Pferd die Kniescheibe jetzt willkürlich aus dieser Gleitrinne hinaus und hängt sie oben-innen auf einen Knochenvorsprung des inneren Rollkamms. 

Der innere, mediale Rollkamm ist generell stärker ausgeprägt als der äußere und besitzt zusätzlich eben diesen Knochenvorsprung, ähnlich wie eine Nase. 

Aber wie genau kommt die Kniescheibe auf diesen Vorsprung und vor allem wie kommt sie wieder hinunter? 

Die Patella ist fest in die Muskulatur des Oberschenkels eingebettet. An ihr vereinigen sie die vier Anteile des M. quadriceps femoris, des vierköpfigen Oberschenkelmuskels. Den Muskel haben wir auch, er bildet die vordere Kontur des Oberschenkels und ist bspw. bei Fußballern sehr gut in seinen einzelnen Anteilen zu erkennen. Diese Anteile – der M. rectus femoris, M. vastus intermedius, ~ medialis und ~ lateralis – entspringen oben am Becken und Oberschenkel, laufen diesen hinunter und treffen sich auf der Kniescheibe. Bei uns bilden sie dort die Patellasehne, die dicke Sehne, die ihr unterhalb Eurer Kniescheibe spürt. Beim Pferd, dessen Knie deutlich mehr Kräften ausgesetzt ist, bildet die Patellasehne drei separate, starke Anteile, das innere, mittlere und äußere Kniescheibenband. Sie umfassen die Kniescheibe und geben dem Quadriceps festen Halt am Unterschenkel. 

Das mittlere und innere Kniescheibenband bilden zusammen mit der Kniescheibe dabei eine richtige Schlaufe. Da das innere Kniescheibenband zusätzlich Verbindung Muskeln an der Innenseite des Oberschenkels, genauer dem M. Sartorius, M. gracilis und M. semimembranosus, hat, kann das Pferd diese ‚Schlaufe‘ jetzt willkürlich nach innen-oben über den Vorsprung des inneren Rollkamms ziehen. Dazu zieht es die Kniescheibe erst mit dem Quadriceps ganz nach oben und dann mit dem M. Sartorius, M. gracilis und M. semimembranosus nach innen – und hängt so diese Schlaufe über den Vorsprung des inneren Rollkamms. 

Um sie von dort wieder zu lösen – wenn das Pferd losgehen oder das Standbein wechseln möchte – zieht es sie mit dem Quadriceps wieder nach oben und mit dem Biceps femoris etwas nach außen. Der Biceps femoris ist ein starker Muskel auf der Außenseite des Oberschenkels, der eine Verbindung zum äußeren Kniescheibenband hat. Dadurch löst sich die Schlaufe von dem Knochenvorsprung und die Patella gleitet wieder zurück in ihre Gleitrinne. 

Und wie hält die Kniescheibe auf diesem Vorsprung? 

Hat das Pferd seine Kniescheibe auf den Knochenvorsprung gehoben, entspannt es die Muskulatur wieder und legt sein Gewicht auf dieses Bein. Durch das Gewicht wird das Knie in Beugung gedrückt und die Bandschlaufe an der Patella gespannt. Diese Spannung presst die Kniescheibe fest auf den Knochenvorsprung, so dass sie nicht verrutschen kann. Das Knie kann sich nicht weiter beugen, da es durch die gespannten Bänder von vorne gehalten wird – es ist durch diesen Mechanismus richtiggehend verkeilt und kann nicht einknicken. 

Über den Spannsägemechanismus, der die Bewegung von Knie und Sprunggelenk koppelt, ist dadurch auch das Sprunggelenk fixiert und vor dem Einknicken geschützt. 

Eine schöne Illustration der Ver- und Entriegelung der Kniescheibe findet Ihr hier.

Ein kurzes Video, in dem ich den Patella-Mechanismus am Pferd erkläre und ihr die Ver- und Entriegelung gut sehen könnt, findet Ihr hier.

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