Der kleine Finger – der Schlüssel zu einer weichen Hand und sicherem Kaffetrinken

Was haben Reiten und Kaffetrinken gemeinsam? Den subtilen Einsatz des kleinen Fingers.

Zu früheren Zeiten spreizte man, wenn man in feiner Gesellschaft eine Tasse Tee zu sich nahm, den kleinen Finger ab. Als mögliche Erklärung findet man vorwiegend hygienische Gründe: ob in der Nase bohren, sie abwischen oder sich am Po kratzen – der kleine Finger schien das Mittel der Wahl und wurde deshalb möglichst entfernt von Mund und Nahrung gehalten. Ein anderer Grund könnte auch die Tassengröße gewesen sein: Da Tassen und Griff so klein waren, war für den kleinen Finger schlicht kein Platz mehr; er wurde abgespreizt. 

Diese Gründe erklären allerdings nicht, warum in Zeiten loserer Konventionen und frei verfügbaren Klopapiers und Taschentücher auch Sektgläser mit langem Stiel gerne nur mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger gehalten werden, während der kleine Finger stramm abgespreizt wird. Auch wenn wir bei unserer Oma zum Kaffe eingeladen sind und sie zur Feier des Tages das ‚gute‘ Porzellan aus der Vitrine holt, ertappen wir uns beim Abspreizen des kleinen Fingers. Gibt es im Winter dagegen Kakao aus einer dicken Tasse, kämen wir nie auf diese Idee. 

Woran könnte also das Abspreizen des kleinen Fingers liegen?

Barbara Welter-Böller erzählte uns während unserer Osteopathie-Ausbildung dann einen weiteren, für mich sehr einleuchtenden Grund: Der kleine Finger wurde – anfangs vermutlich unbewusst, später aus Etikette – abgespreizt, um das Handgelenk mit den feinen, fragilen Tassen zu stabilisieren und so in feiner Umgebung ja nichts zu verschütten. 

Denn der kleine Finger hat im Gegensatz zu Ring- und Mittelfinger, die allein durch die tiefe und oberflächliche Beugesehne (oh ja, auch wir haben Beugesehnen) gebeugt und durch den gemeinsamen Zehenstrecker (auch den haben wir mit unserem Pferd gemeinsam) gestreckt werden, zusätzlich einen eigenen Streck- und Beugemuskeln sowie jeweils einen Muskel für Ab- und Adduktion. 

Dieser Streckmuskel streckt aber nicht nur den kleinen Finger, sondern zu einem gewissen Maß auch das Handgelenk. Auch der Abspreizer hat durch seinen Ansatz eine stabilisierende Wirkung auf das Handgelenk. 

Strecken wir also den kleinen und spreizen ihn etwas ab, machen wir unser Handgelenk fester und stabiler. Bei feinen Tassen mit kleinem, zartem Griff oder Sektgläsern mit langem Stiel ist das sehr von Vorteil, befindet sich doch der Inhalt und damit der Schwerpunkt weit außerhalb unserer Hand. Jede unachtsame Bewegung unseres Handgelenks würde durch diesen langen Hebel sehr verstärkt. 

Um diesen Hebel also möglichst nicht zu bedienen und die Tasse oder Sektglas sicher zum Mund zu führen, hilft es sehr, wenn das Handgelenk durch den gestreckten kleinen Finger schön stabil ist. 

Was hat das alles mit dem Reiten zu tun?

Beim Reiten möchten wir genau das Gegenteil: ein weiches, nachgiebiges Handgelenk, welches die Bewegung des Pferdekopfs und -mauls sanft aufnimmt und leitet. 

Würden wir den kleinen Finger mit an den Zügel nehmen, würden unvermeidlich auch sein eigener Beuge- und Adduktormuskel engagiert. Damit diese aber einen stabilen Ansatz am Handgelenk finden, würden automatisch auch die Handgelenksstrecker anspringen, um pflichtbewußt die Beugung etwas zu bremsen. Muskelketten sind ein Hund… Im Ergebnis hätten wir zwar einen festen Griff am Zügel – mit einem festen und stabilen Handgelenk. Ein weiches Spüren des Pferdemauls, der Zunge, ist so aber sehr viel schwerer möglich. 

Deshalb ist vermutlich einem klugen Reiter (ob mit oder ohne Kenntnis dieser Muskelketten) die Einsicht gekommen, dass die Hand viel feiner und weicher ist, wenn der kleine Finger beim Griff um den Zügel ausgespart wird. 

Wer Probleme mit einer zu festen Hand hat, kann sogar einmal versuchen, die Zügel nur mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger zu greifen. Indem der Ringfinger ausgelassen wird, bleibt sein Teil der Beugesehnen und die ihn heranführenden Muskelanteile entspannt. Der Griff wird auf diese Weise zwangsweise deutlich weicher und es kann die Erfahrung gemacht werden, welche anderen Körperteile – bspw. Rücken und Bauch – nun die Gelegenheit zum Arbeiten bekommen.  

Es lohnt sich also, nicht nur die Muskelketten unserer Pferde, sondern auch unsere eigenen zu kennen 🙂

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